dRehmomente
Wie ich ins Machen kam
Es gibt Momente im Leben, in denen die Welt um uns herum plötzlich stillzustehen scheint. Ein Moment, der uns in eine Art Schockstarre versetzt, in dem wir uns wie ein Reh im Scheinwerferlicht fühlen – unsicher, gelähmt, unfähig, einen Schritt zu machen. Es ist der Augenblick, in dem die Zukunft so weit entfernt scheint, dass sie fast unerreichbar wird. Wir stehen da, bewegungslos, und wissen nicht, wie wir uns vorwärts bewegen sollen.
Plötzlich war das Schulhaus leer – von Freitag auf Montag. Das war im März 2020. Wir SchulleiterInnen waren ganz auf uns alleine gestellt und verantwortlich dafür, wie die Schulgemeinschaft erst in Kontakt, dann lernend und mit jeder weiteren Woche im Distanzlernen vor allem in guter Beziehung zueinander bleibt. Im Nachhinein betrachtet habe ich im Frühjahr 2020 zum ersten Mal in meiner schulischen Laufbahn das gemacht, was ich intuitiv auf Basis meiner über 20-jährigen Schulpraxis für notwendig und vor allem situativ für sinnvoll hielt: wir haben in dieser Krisensituation den Menschen mit ihren aktuellen Bedürfnissen oberste Priorität eingeräumt und dem Lernstoff oder gar der Notenfindung eine völlig nachgeordnete Rolle zugewiesen. Zum ersten Mal habe ich mir als Schulleiterin und Mensch die Erlaubnis gegeben, die nach meinem Empfinden richtigen Dinge zu tun. Das war mein persönliches Drehmoment. Davor waren wir es als gute und loyale Beamte so sehr gewohnt, vorgegebene Dinge richtig zu tun. Und wir wollten schon gar keine Fehler machen, weil die meisten von uns in ihrer Lernbiographie überspitzt formuliert mit dem Rotstift sozialisiert wurden.
In der Stille des Innehaltens, im scheinbaren Nichts, entsteht Raum. Raum, den wir nutzen können. Raum, der uns die Freiheit gibt, uns neu zu reflektieren, zu orientieren und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der Moment des Zögerns ist nicht das Ende, sondern die Einladung, sich von alten Ängsten und Zweifeln zu befreien. Es ist der Augenblick, in dem wir uns bewusst entscheiden, die Kontrolle zu übernehmen und mit einer klaren Vision in die Zukunft zu gehen.
Dieser Übergang – vom Schock zur Handlung – ist der wahre Dreh. Es ist der Moment, in dem wir erkennen, dass nicht die Angst, sondern die Möglichkeit der Veränderung uns vorwärts bringt!
Das Jahr 2020 bot im Nachhinein die großartige Chance, die richtigen Dinge zu tun, weil der Krisenmodus dies erforderte und es keine vorgegebenen Konzepte gab für diesen Ausnahmezustand der unvorhergesehenen Schulschließungen. Doch was sind die richtigen Dinge in einer Schule im 21. Jahrhundert? Fündig geworden bin ich bei meiner Recherche damals im Sommer 2020 im OECD-Lernkompass 2030, der von über 300 internationalen ExpertInnen partizipativ und damit ko-konstruktiv auf Basis der von der UN im Jahre 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs) erarbeitet wurde.
Wusstest du, dass Rehe bellen können? Genauer ausgedrückt: sie schrecken. Sie schrecken auf, wenn sie beunruhigt sind und die Gefahr noch nicht richtig identifizieren können. Und dann geht es los, das Gebell. Nur ist das Reh kein Hund, ist immer auf dem Sprung, eher im Flight- als im Fightmodus unterwegs. Wie ist das eigentlich gerade bei uns Menschen?